Albiflora-Orchideen in Rumänien

Die Vielfalt der Orchideen-Flora in Rumänien präsentieren Nora De Angelli und Dan Anghelescu in ihrem Buch The Orchids of Romania. Darin finden sich auch 21 Taxa mit Albiflora-Formen – vor allem in den Gattungen Anacamptis, Dactylorhiza und Orchis. Vier weiß blühende Orchideen werden als eigene Varietäten vorgestellt: Dactylorhiza fuchsii var. albiflora, Dactylorhiza incarnata var. albiflora, Dactylorhiza maculata var. albiflora und Epipactis palustris var. albiflora. Der Band ist reich bebildert, mit liebevoll ausgewählten Fotos, darunter etliche mit besuchenden oder bestäubenden Insekten. In Rumänien gebe es 71 Orchideenarten sowie 7 erst kürzlich entdeckte weitere Arten, schreiben die beiden Autoren, die Vater und Tochter sind. Etliche davon seien in umfangreichen Populationen vertreten, auch wenn es zahlreiche Gefährdungen gebe. Wir haben eine moralische Verpflichtung, diese wunderbaren und äußerst verletzlichen Planzen zu schützen, betonen Nora De Angelli und Dan Anghelescu.

Nora De Angelli hat mir auch Fotos von Albiflora-Orchideen in Rumänien geschickt, damit sie hier gezeigt werden können – vielen Dank dafür! Die ersten sind die von Dactylorhiza maculata subsp. transsilvanica, die für das Verstehen von Albflora-Orchideen zwischen spontanen Mutationen und den Wundern der Evolution besonders bedeutsam sind.

Pigmentausfall bei Himantoglossum adriaticum

Foto: Matthias Svojtka, 4.6.2014, in Wien

Himantoglossum hircinum und Himantoglossum robertianum gehören zu den häufigsten Orchideenarten im südlichen Europa. Immer wieder treten bei beiden Arten Pflanzen auf, deren Blüten das Anthocyan-Pigment fehlt. Diese Albiflora-Formen haben dann grün-weiße Blüten statt der Blüten mit rötlichen Streifen und Punkten.

Foto: Matthias Svojtka, 4.6.2014, in Wien

Matthias Svojtka von der Universität Wien hat auch bei der weitaus selteneren Adria-Riemenzunge, dem Himantoglossum adriaticum, anthocyanfreie Pflanzen beobachtet. “Auf diesem Himantoglossum-Fundort in der Unteren Lobau gibt es eine sehr große Population von ca. 40 – 60 Individuen freistehend auf einer Trockenwiese, stabil zeigen sich auch 1 bis 2 weiße Exemplare“, schreibt er zu diesen seinen Aufnahmen.

Foto: Matthias Svojtka, 4.6.2014, in Wien

immer wieder schön: Gymnadenia conopsea f. albiflora

Eine zweite Bergwanderung im Corona-Jahr 2020 führt mich Anfang Juli in die Steiermark. Auf der Tauplitz-Alm gilt mein Interesse vor allem der Vielfalt an Nigritella-Arten. Zu den häufigsten Orchideen dieser Bergregion gehört die Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea). Sie blühen zu Hunderten auf Wiesen und Waldlichtungen. Auf dem Weg zum Lawinenstein (1965 m) fällt mir am 7. Juli schon von weitem eine weiß blühende Gymnadenia conopsea auf, mit einem lang gestreckten Blütenstand. Diese Art gehört zu den Orchideen, die häufiger weiß blühende Mutationen bilden. Dabei handelt es sich aber meist um einzelne Pflanzen.

Albiflora-Fülle bei Anacamptis palustris

In den meisten Teilen ihres Verbreitungsgebiets ist Anacamptis palustris (Synonyme: Orchis palustris, Paludorchis palustris) stark gefährdet, weil es immer weniger Moore und Feuchtwiesen gibt. In einem Niedermoor im bayerischen Landkreis Rosenheim aber wachsen noch Tausende von Pflanzen dieser besonderen Art.

Auf einer Wiese mit etwa 100 blühenden Anacamptis palustris befinden sich auch 7 Albiflora-Pflanzen – das ist ein weit höherer Anteil, als allein aufgrund von genetischen Mutationen zu erwarten wäre. H. Kretzschmar, W. Eccarius und H. Dietrich (Die Orchideengattungen Orchis, Anacamptis, Neotinea. 2007) bemerken: Selten gibt es auch weißblütige Exemplare und bilden das Foto einer Albiflora-Form vom Neusiedlersee in Österreich ab. Es scheint, dass weiß blühende Anacamptis palustris ähnlich selten sind wie bei ihrer Schwesterart Anacamptis laxiflora.

Die Blüten der Albiflora-Pflanzen zeigen nicht den leisesten Hauch eines Purpur-Farbtons. Selbst die Pollinien sind hell, mit einem leicht gelblichen Ton, ähnlich wie bei den Knospen.

Anacamptis palustris wird in diesem Niedermoor begleitet von kleineren Gruppen von Orchis majalis, Dactylorhiza incarnata subsp. ochroleuca, knospenden Epipactis palustris sowie Liparis loeselii.

Orchis pauciflora mit reduzierten Carotinoiden

Orchis pauciflora – photo: Bariša Ilić 

In einer Population von etwa tausend Orchis pauciflora in Südkroatien hat Bariša Ilić aus Metković acht Pflanzen mit fast weißen Blüten gefunden. Die roten Punkte auf der Lippe bilden so einen besonderen Kontrast. Es war das erste Mal, dass er diese besonderen Formen an dem Fundort in der Nähe der Stadt Ston im Bezirk Dubrovnik-Neretva gesehen hat. Bariša Ilić ist ein Ornithologe, der sich – wie er schreibt – vor fünf Jahren in wild wachsende Orchideen verliebt hat.

Orchis pauciflora – photo: Bariša Ilić 

Die Blüten von Orchis pauciflora haben eine kräftige gelbe Farbe. Sie enthalten hohe Anteile von Carotinoiden – den Pigmenten, die bei vielen Pflanzen die gelbe Blütenfarbe erzeugen. Während Anthocyanine – die rote, purpurne oder bräunliche Blütenfarben ermöglichen – wasserlöslich sind, sind Carotinoide fettlöslich (wie Chlorophyll). Da Anthocyanine in einem komplexen Prozess der Biosynthese gebildet werden, an dem mehr als fünf Enzyme beteiligt sind, ist es bei Anthocyaninen wahrscheinlicher, dass es zu einem Pigmentverlust kommt, als bei Carotinoiden. Dies könnte erklären, warum Orchis pauciflora mit weißlichen anstelle von gelben Blüten äußerst selten sind. Und selbst bei diesem Fund scheinen die Pflanzen im Lippenzentrum noch einen Rest von Gelb erhalten zu haben.

Dieser Eindruck eines graduellen Verlusts von Carotinoiden passt zu einer interessanten Studie der italienischen Botanikerin Alessia Luca. Diese untersuchte die Konzentration von Carotinoiden bei Hybriden von Orchis pauciflora und Orchis mascula. Ihre Doktorarbeit an der Universität von Kalabrien enthält Messungen der Anthocyanin- und Carotinoid-Konzentrationen in der Lippe der als Orchis x colemanii bezeichneten Hybriden. Dabei zeigte sich, dass die Carotinoid-Konzentration bei den Hybriden allmählich abnimmt: “O. xcolemanii showed a continuous flower color variation (Figure. 13) ranging from red-purple flowers of O. mascula to yellow flowers of O. pauciflora.” (Alessia Luca: Evolutive significance of hybridization in Mediterranean deceptive orchids, p. 42)

Alessia Luca: Evolutive significance of hybridization in Mediterranean deceptive orchids, p. 43

Comeback für die weiße Orchis militaris

Im Jahr 2006 habe ich zum ersten Mal eine weiß blühende Orchis militaris auf einer Magerwiese in der Nähe von Frankfurt gesehen. Sie war auch in fünf folgenden Jahren immer da, zum letzten Mal 2010. Dann verschwand sie, keine Spur einer Albiflora-Form unter den mehr als 100 Orchis militaris auf diesen Wiesen. Bis zu diesem Jahr, als sie etwa fünf Meter vom Standort der ersten Pflanze entfernt wieder blühte.

Orchis militaris f. albiflora

Nach dem ersten Drittel des Monats Mai war sie schon am Abblühen. Der Orchideenexperte Werner Hahn sagte mir, dass die Blüte von Orchis militaris an diesem Standort in den 1980er Jahren erst etwa Mitte Mai begann – ein klares Zeichen für den Klimawandel in den letzten mehr als 30 Jahren.

Aber es bleibt die Frage: Was ist der Grund, dass die Albiflora-Form nach zehn Jahren ein Comeback feiert? Samen der weiß blühenden Pflanze könnten sich auf dieser Wiese verbreitet haben. Die Blütenfarbe wird von dominanten Allelen vererbt. Aber es bleibt immer die kleine Wahrscheinlichkeit, dass das genetische Merkmal einer weißen Blütenfarbe in einer Population von mehr als 100 Farben mit der Standardfarbe zum Ausdruck kommt.

Orchis militaris f. albiflora

Die Wahrscheinlichkeit von Albiflora-Formen is Populationen von Orchis militaris liegt nach meiner Schätzung bei etwa 1/1000. Im Mittelrheintal blüht gerade diese schöne Pflanze:

Orchis militaris f. albiflora – photo: Werner Hahn

Kolonie von Orchis quadripunctata f. albiflora

Orchis quadripunctata – Foto: Robert Crnković

Orchis quadripunctata gehört zu den häufigeren Orchideenarten in Mitteldalmatien. Seit mehr als zehn Jahren hält Robert Crnković Ausschau nach weiß blühenden Albiflora-Formen unter den zahlreichen Populationen in der Umgebung von Trogir. Anfang Mai, so schreibt er, wurde er von einer kleinen Gruppe von 14 schneeweiß blühenden Pflanzen unter etwa 50 Pflanzen mit der purpurnen Standardfarbe überrascht. Eine derart umfangreiche Kolonie von Albiflora-Formen kann nicht mit der spontanen Mutation einzelner Pflanzen erklärt werden. Es scheint, dass sich die weiß blühenden Pflanzen auf ungewöhnliche Art und Weise vermehrt haben.

Orchis quadripunctata – Foto: Robert Crnković

Bei manchen weiß blühenden Orchis albiflora bleiben die zwei oder vier kleinen Punkte an der Basis der Lippe – die der Pflanze den Namen gegeben haben – in der purpurnen Farbe erhalten. Hier sind die Blüten völlig weiß.

Orchis quadripunctata f. albiflora – Foto: Robert Crnković

Robert bemerkte, dass alle 14 Pflanzen ungefleckte Blätter haben – während die Pflanzen mit purpurnen Blüten deutlich gefleckte Blätter besitzen. Diese Beobachtung stimmt mit den Blättern von Albiflora-Formen anderer Arten wie Dactylorhiza fuchsii überein, bei denen die Blätter ebenfalls unbefleckt sind. Das Fehlen von Anthocyanin-Pigmenten erstreckt sich nicht nur auf die Blüten, sondern auch auf die Blätter.

Orchis quadripunctata f. albiflora – Foto: Robert Crnković
Orchis quadripunctata f. albiflora – Foto: Robert Crnković

Albiflora-Frühling in Dalmatien

Himantoglossum robertianum – photo: Robert Crnković

Die kräftigen Blütenstände von Himantoglossum robertianum sind immer mal wieder in einer hypochromen Form zu sehen. Gleich fünf dieser Pflanzen hat jetzt Jadranka Gubaš an der Küste bei Šibenik gesehen, auf einer Wiese mit etwa 100 Pflanzen insgesamt. Robert Crnković hat sie fotografiert und mir geschickt – zum Beginn eines neuen Blütenjahres.

Himantoglossum robertianum
photo: Robert Crnković
Himantoglossum robertianum
photo: Robert Crnković

Albiflora-Formen auf Alpenwiesen

Höhepunkt einer Exkursion in den Osttiroler Alpen ist eine Pflanze, die auf den ersten Blick wie eine etwas kräftigere Pseudorchis albida aussieht. Davon gibt es viele auf den Bergwiesen am Golzentipp (2317 m) nördlich von Obertilliach im Gailtal. Noch häufiger ist nur Gymnadenia conopsea. Ziemlich selten aber ist die Hybride zwischen beiden Arten. Der Blick auf die Einzelblüte zeigt, dass es sich hier um eine solche Gymnadenia conopsea x Pseudorchis albida handelt, die auch als xPseudadenia schweinfurthii bezeichnet worden ist.

Blütengröße, Lippenform und Spornlänge stehen bei dieser Pflanze zwischen Pseudorchis und Gymnadenia. Aber die Blütenfarbe zeigt kaum einen Einfluss der purpurviolett blühenden Gymnadenia conopsea. Allenfalls in den Sepalen ist ein Hauch von Violett zu erahnen. Andere Fundmeldungen dieser Hybride, auch vom Golzentipp, zeigen Blüten mit einem markanten Zartrosa. So kann bei dieser Pflanze angenommen werden, dass es sich um die Kreuzung zwischen einer Albiflora-Form von Gymnadenia conopsea mit Pseudorchis handelt. Denkbar wäre allerdings auch die Mutation einer Hybride mit der Folge eines Defekts der Pigmentbildung in den Blüten.

Albiflora-Formen von Gymnadenia conopsea sind recht häufig – sowohl auf den Golzentipp-Wiesen wie auf den ähnlich hoch gelegenen Wiesen oberhalb der Kircher Almen bei Untertilliach.

Dactylorhiza pythagorae f. albiflora

Foto: Kiros Kokkas

Diese nur von der Ägäis-Insel Samos bekannte Orchidee ist nicht variabel, sondern im Gegenteil ungewöhnlich homogen, schreibt Wolfgang Eccarius in seiner Monographie über Die Orchideengattung Dactylorhiza (Eisenach 2016). In diesem Jahr aber hat Kiros Kokkas eine weiß blühende Form dieser seltenen Orchidee gefunden, deren Blüten sonst blass- bis dunkelrosa oder hellviolett gefärbt sind. Diese Pflanze ist somit offensichtlich einzigartig – zeigt aber auch, dass Dactylorizha-Arten insgesamt dazu tendieren, Albiflora-Formen auszubilden.

Foto: Kiros Kokkas