Sag mir, wo die Blumen sind…


Vor einem Jahr haben auf einer Wiese im Rheingau, westlich von Wiesbaden, schätzungsweise 800 Anacamptis morio geblüht, darunter fünf mit weißen Blüten. Dieses Jahr blühen nur etwa zehn Pflanzen, ein Rückgang um 99 Prozent. Und es gibt keine einzige Anacamptis morio f. albifora mehr auf der Wiese. Nach einer kleinen Wanderung in den angrenzenden Wäldern traf ich einen Jäger, der mit der Säge entwurzelte Bäume wegräumte. Er meinte, dass wahrscheinlich Wildschweine dafür verantwortlich sind, dass die Orchideen in diesem Ausmaß dezimiert wurden. Der lange Winter hat wohl seinen Teil dazu beigetragen, dass die Wildschweine auf die Suche nach Orchideenwurzeln gegangen sind. Auf der angrenzenden Wiese habe ich etwa 20 Orchis mascula gefunden, gerade in der beginnenden Blüte.

Orchideen der Rhön

Neu erschienen ist ein prachtvolles Schaufenster der Orchideen in der Rhön. Der Autor und Fotograf Marco Klüber präsentiert in seinem Buch eine Zusammenfassung seiner langjährigen Forschungen in dieser Mittelgebirgsregion. Er erklärt, wie geologische und geografische Bedingungen unterschiedliche Lebensräume wie verschiedene Arten von Wäldern, Magerwiesen und Feuchtgebiete geformt haben.

Es gibt 48 verschiedene Orchideenarten in dieser Region – oder zumindest wurden sie dort einmal nachgewiesen. Fünf Arten sind heute in der Rhön nicht mehr zu finden. Ihre Präsentation ist zugleich Mahnmal wie Aufforderung, alles zu tun, um diese kostbaren Pflanzen zu erhalten. Und Klübers Buch ist ein wichtiger Beitrag für diese Bemühungen. Nur öffentliches Bewusstsein bietet die Basis für die notwendigen politischen Entscheidungen zum Schutz dieser Gebiete.

Nach der Vorstellung der Region führt das Buch in die Familie der Orchideen ein und stellt ihre biologischen Besonderheiten vor. Den Hauptteil bilden detaillierte Artenporträts mit eindrucksvollen Fotos. Der Autor stellt auch mehrere Albiflora-Varietäten vor, etwa Dactylorhiza fuchsii, Orchis purpurea oder Cephalanthera rubra. Auch für diese Website hat Marco Klüber wichtige Beitrage beigesteuert. Gegen Ende des Buchs finden sich sechs interessante Vorschläge für Orchideen-Touren in der Rhön. (Marco Klüber: Orchideen in der Rhön. Künzell-Dietershausen, edition alpha 2009. 256 Seiten. 23,90 Euro)

Orchideen der Rhoen

Farbspielereien mit C. rubra und E. atrorubens

Nach dem Hinweis eines Orchideen-Freundes fahren wir heute in die Hessische Rhön. Nordöstlich von Fulda, in der Nähe von Huenfeld, führt ein Weg durch ein langgestrecktes Waldstück. Am Hang blühen zahllose Cephalanthera rubra. Und direkt am Weg wachsen auch drei Pflanzen mit weißen Blüten. Die eine hat noch einen leicht violetten Ton, die zweite ist ganz weiß, aber bereits leicht abblühend, und die dritte hat nur eine, relativ geschlossene Blüte.

Im Hang blühen mehr als hundert Cephalanthera rubra, Gymnadenia conopsea und Epipactis atrorubens. Eine Gymnadenia conopsea ist fast weiß, mit einem letzten Hauch von rosa-violett in den Blüten.

Etwas südlich von Fulda und westlich von Bad Brückenau folgen wir einem weiteren Hinweis und gelangen auf eine Bergkuppe mit einer eindrucksvollen Magerwiesen-Vegetation. Im unteren Abschnitt blühen auch hier zahlreiche Gymnadenia conopsea. Weiter oben, einige Meter unterhalb vom Wald, stehen die kräftigen Stängel von Epipactis atrorubens – und dazwischen einige Pflanzen, die nicht rotbraun, sondern gelbgrün blühen! Bereits weitgehend verblüht sind Ophrys insectifera. Diesen wunderschönen Hang laufe ich noch etwas weiter und sehe von weitem eine weiß blühende Pflanze: Gymnadenia conopsea var. albiflora! Eine kräftige Pflanze mit mehr als 30 Blüten, die obersten noch als Knospen. Auf dem Hang sind in der Abendsonne viele Schmetterlinge und Wildbienen unterwegs, die weiß blühende Gymnadenia bietet sich und ihren mit Nektar gefüllten Sporn als Alternative an.

Orchis militaris “albiflora”, knospend

Das neue Orchideenjahr hat begonnen, und die weiß blühende Orchis militaris in meiner Nachbarschaft zeigt bereits ihre Knospen. Möglicherweise gibt es in diesem Jahr mehrere “albiflora”-Exemplare an diesem Standort. Die Pflanzen wirken gesund und kräftig. Der lange Winter war kein Problem für sie, und im März/April gab es genug Feuchtigkeit.

 

Danach war ich noch im Rheingau auf einer Wiese mit Anacamptis morio. Ich schätze, dass es in diesem Jahr dort etwa 800 Pflanzen gibt, 5 von ihnen blühen weiß. Das wäre an diesem Standort ein Verhältnis von 6 Anacamptis morio “albiflora” auf 1000 Pflanzen und somit etwas höher als meine allgemeine Schätzung von 3 bis 5/1000. Dies bestätigt, dass Anacamptis morio in besonderem Maße dazu neigt, weiße Blüten zu entwickeln. Die meisten Anacamptis morio auf der Wiese sind in voller Blüte. Auffallend ist aber bei den weiß blühenden Pflanzen, dass hier die Blüte schon weiter fortgeschritten ist. Einige Blüten sind bereits beschädigt, insbesondere am Sporn (Foto). Zuletzt war ich vor zwei Jahren an diesem Standort bei Johannisberg, am 6. Mai, wo mir dies nicht aufgefallen war. Allerdings hatte ich damals auf der unteren Wiese auch noch Orchis mascula gesehen, die ich heute vergeblich suche.

Zuletzt besuche ich noch einen Standort im Wispertal, wo es früher mehrere weiß blühende Orchis mascula gegeben haben soll. In dem Eichenmischwald finde ich etwa 25 mascula in der Standardfarbe, aber keine weiß blühende Form.