Neujahrsgrüße aus Korčula

Orchis quadripunctata

Zu Beginn des neuen Jahres habe ich eine schöne Mail von Mirjana und Nebojša Jeričević bekommen, die auf der dalmatinischen Insel Korčula leben. Sie schickten mir Fotos von Albiflora-Formen von fünf Arten, Orchis quadripunctata (oben), Anacamptis pyramidalis, Himantoglossum robertianum, Dactylorhiza romana und Orchis italica. Besonders interessant sind die von Dactylorhiza romana. Diese Pflanzen zeigen in der Blüte einen leicht gelblichen Farbton, sind aber nicht so gelb wie bei der gelben Standardform dieser zweifarbig blühenden Art. Sie wachsen unter Pflanzen der violetten Form. Es kann vermutet werden, dass es sich hier um Pflanzen handelt, die ursprünglich violett blühen sollten aber die Anthocyanine verloren haben.

Dactylorhiza romana

Dactylorhiza romana

Farb- UND Formvarietät von Anacamptis morio

Anacamptis morio
Oops, das ist eine sehr besondere Anacamptis morio, die Norbert Griebl in der Nähe von Sittendorf, südwestlich von Wien, entdeckt hat. Neben der Abwesenheit von Anthocyaninen (die bei dieser Art recht häufig vorkommt) ist die Lippe wie die Sepalen geformt, mit grünen Adern. Somit ist hier nicht nur die Farbe der Blüte verändert, sondern auch deren morphologische Struktur.

Ophrys bertolonii “albiflora”

Ophrys bertlonii f. albiflora
Mit seinen leuchtend rosa bis violetten Farben in den Blütenblättern sowie einer dunkelbraunen Lippe gehört Ophrys bertolonii zu den besonders intensiv gefärbten Ophrys-Arten. Pavel Heger hat an der Südspitze der kroatischen Halbinsel Istrien eine besondere Farbvarietät von Ophrys bertolonii entdeckt – die aufgrund der verbliebenen Chlorophyll-Pigmente eine insgesamt grüne Erscheinungsform hat. Zwei Merkmale erlauben es, diese Pflanze als eine “Albiflora”-Form anzusprechen: 1) Die typische Markierung in der unteren Hälfte der Lippe ist völlig weiß. 2) Die Härchen an den Rändern der Lippe sind ebenfalls auffallend weiß.

Diese seltene Pflanze zeigt, dass “Albiflora”-Formen von Ophrys-Arten dazu neigen, Chlorophyll in der Blüte zu erhalten – im Unterschied zu weiß blühenden Formen von Orchis- oder Anacamptis-Arten. Und es gibt bestimmte Bereiche der Blüte, die das Chlorophyll nicht behalten, wie es bei der Lippenmarkierung von Ophrys bertolonii der Fall ist. Vielleicht neigen diese Pflanzen zur Ausprägung einer “weißen” Form, um eine bestimmte biologische “albiflora”-Funktion zu erreichen – aber die Chlorophyll-Leistung der Blüte ist ebenfalls von Bedeutung und wird daher erhalten. Vielen Dank an Pavel für diesen Beitrag für albiflora.eu!

Seltene Albiflora-Form von Orchis spitzelii

Im OrchideenJournal 3/2009, berichten Josefa und Richard Thoma, wie sie erstmals zwei weiß blühende Pflanzen von Orchis spitzelii gefunden haben – in einer Region, die sie seit 20 Jahren regelmäßig aufsuchen. Dieser Standort in den Alpen bei Salzburg ist der einzige Ort in Österreich mit einem Vorkommen von Orchis spitzelii.

Im Juni 2009 zählten die beiden dort 17 Pflanzen, als Josefa überraschend zwei weiß blühende Orchis spitzelii fand. “Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen”, beschrieb Richard Thoma seine Gefühle, als seine Frau rief: “Zwei Weiße!” Der Autor bezeichnete die seltene Farbvarietät als “Orchis spitzelii f. albovirida” – mit Blick auf das grüne Perigon mit dem Pigment Chlorophyll.

“Warum ausgerechnet heuer?”, fragt Thoma und freut sich schon auf das nächste Jahr, wenn sie nachschauen wollen, ob die weiß blühenden Pflanzen wieder da sind.

Vielleicht handelt es sich mehr als um eine “Laune der Natur”, wie Thoma annimmt. Vertiefte Forschung ist nötig, um zu erkennen, ob es vielleicht eine bestimmte Funktion gibt, die erklären könnte, warum bestimmte Orchideenarten Albiflora-Formen entwickeln. Zunächst gebührt hier besonderer Dank an Richard Thoma für seinen Foto-Beitrag der weiß blühenden Orchis spitzelii für albiflora.eu.

Auf die Blütenfarbe kommt es an

Source of right picture: taken by Olaf Leillinger on 1998-04-30 License: CC-BY-SA-2.0/DE and GNU FDLDie Weibchen der Veränderlichen Krabbenspinne (Misumena vatia) können ihre Farbe ändern und sich so der Farbe der Blüte anpassen, auf der sie sich niederlassen und auf Beute warten. Auf einer weißen Blüte haben sie einen weißen Körper, auf gelben Blüten schlägt ihre Farbe in ein intensives Gelb um (rechtes Foto: Olaf Leillinger, Source: picture taken by Olaf Leillinger on 1998-04-30 License: CC-BY-SA-2.0/DE and GNU FDL). Daher ist die Albiflora-Form von Dactylorhiza fuchsii (links: Foto: Norbert Griebl) ein passender Platz für die Insektenjagd – die purpurne Standardfarbe dieser Orchidee würde nicht zu ihrer Tarnstrategie passen.

Die Spinne ändert ihre Farbe, indem ein gelbes Pigment in die äußere Zellschicht ihres Körpers eingelagert wird. Wenn sie auf einer weißen Blüte sitzt, wird dieses Pigment wieder in untere Schichten transportiert oder ausgeschieden. Der Farbwechsel von weiß nach gelb dauert 10 bis 25 Tage, der von gelb zu weiß nur etwa 6 Tage.

Limodorum abortivum “albiflora”

Limodorum abortivum - Albiflora-Form (links; Foto: N.Griebl) und gewöhnliche Form (rechts)
Limodorum abortivum - Albiflora (links; Foto: N.Griebl) und Standardform (rechts)

Eine der seltensten Albiflora-Formen von Orchideen ist Limodorum abortivum. In der Literatur wird manchmal das Vorkommen weiß blühender Pflanzen erwähnt, etwa von Horst Kretzschmar in seinem neuen Buch “Die Orchideen Deutschlands und angrenzender Länder” (Wiebelsheim 2008), S.163: “Die Färbung der Blüten kann in Südeuropa erheblich variieren, von weiß über violett bis rot, wenngleich solche Blütenfarben in Deutschland bislang nicht beobachtet wurden.” 

Norbert Griebl hat mir nun das Foto einer Albiflora-Form geschickt, die er in Nordgriechenland entdeckt hat. Dabei beobachtete er, dass die Pflanze einen grünen Stängel und grüne Stängelblätter hat, “was beweist, dass Limodorum nicht gänzlich saprophytisch lebt.” (also  myko-heterotroph). Die grüne Farbe des Stängels ist tatsächlich sehr auffallend, verglichen mit der dunkelvioletten Farbe der gewöhnlichen Form. Bei dieser wird das vorhandene Chlorophyll offenbar von den dominanten Anthocyaninen überdeckt. Wenn diese rötlich-violetten Farbpigmente der Zelle fehlen – wie im Fall der Albiflora-Form, kommt das grüne Chlorophyll deutlich zum Vorschein. Eine 2006 veröffentlichte Studie (M. Girlanda, M. A. Selosse, D. Cafasso, F. Brilli, S. Delfine, R. Fabbian, S. Ghignone, P. Pinelli, R. Segreto, F. Loreto, S. Cozzolino und S. Perotto: Inefficient photosynthesis in the Mediterranean orchid Limodorum abortivum is mirrored by specific association to ectomycorrhizal Russulaceae. In: Molecular Ecology 15, 2006, S. 491-504) erkennt die Existenz von Chlorophyll an, stellt aber fest, dass bei der Photosynthese für die Ernährung der Pflanze nicht ausreiche. Es wäre interessant zu wissen, wie sich die Albiflora-Form in dieser Hinsicht verhält und ob sie ebenfalls auf die Nährstoffversorgung durch Pilze angewiesen ist.

Albino, Albiflora, Teil-Albiflora

Weiß blühende Orchideen mit einer anderen Standardfarbe werden oft als “Albino”-Form bezeichnet. Tatsächlich aber können Albino-Pflanzen, denen das für die Photosynthese unerlässliche grüne Pigment Chlorophyll fehlt, durchaus farbige Blüten haben, wie diese Aufnahme einer Cephalanthera rubra aus Thüringen von Holger Disse zeigt.

Umgekehrt haben die meisten Albiflora-Orchideen zwar weiße Blüten, aber durchaus kräftig grüne Blätter und auch einen solchen Stängel. Ihnen fehlen die für die Blütenfarbe relevanten Pigmente aus den Gruppen der Carotenoide und Anthocyanine. Sie verfügen aber über reichlich Chlorophyll, erhalten also auch Nährstoffe aus der Photosynthese.

Bei manchen Orchideen ist die Ausbildung der Blütenfarbstoffe reduziert, Anthocyanine werden aber noch in geringem Ausmaß gebildet, wie es bei der hier gezeigten Cephalanthera rubra der Fall ist. Diese weiß blühenden Pflanzen mit einem Hauch von Standardfarbe könnten als Teil-Albiflora-Form bezeichnet werden.

Weiß blühende Orchideen mit einer anderen Standardfarbe werden oft als “Albino”-Form bezeichnet. Tatsächlich aber können Albino-Pflanzen, denen das für die Photosynthese unerlässliche grüne Pigment Chlorophyll fehlt, durchaus farbige Blüten haben, wie diese Aufnahme einer Cephalanthera rubra aus Thüringen von Holger Disse zeigt.

Umgekehrt haben die meisten Albiflora-Orchideen zwar weiße Blüten, aber durchaus kräftig grüne Blätter und auch einen solchen Stängel. Ihnen fehlen die für die Blütenfarbe relevanten Pigmente aus den Gruppen der Carotenoide und Anthocyanine. Sie verfügen aber über reichlich Chlorophyll, erhalten also auch Nährstoffe aus der Photosynthese.

Bei manchen Orchideen ist die Ausbildung der Blütenfarbstoffe reduziert, Anthocyanine werden aber noch in geringem Ausmaß gebildet, wie es bei der hier gezeigten Cephalanthera rubra der Fall ist. Diese weiß blühenden Pflanzen mit einem Hauch von Standardfarbe könnten als Teil-Albiflora-Form bezeichnet werden.