Drei Albinos von Cephalanthera damasonium

Cephalanthera damasonium Cephalanthera damasonium gehört zu denjenigen Orchideenarten, die auch ohne Chlorophyll leben können – zusammen mit anderen Arten des Tribus Neottieae oder der Gattung Epipactis. Beim Erkunden eines Mischwalds in der Nähe von Lahnstein (Rheinland-Pfalz) bin ich zusammen mit Ingo Beller vom Arbeitskreis Heimische Orchideen (AHO) Rheinland-Pfalz auf eine Gruppe von drei Albino-Pflanzen gestoßen, in der Nähe drei weitere Cephalanthera damasonium mit grünen Blättern. Von den apochromen Pflanzen hatte eine zwei Blüten, eine nur eine Blüte und die dritte keine. Diese Albino-Pflanzen erhalten ihren organischen Kohlenstoff mit Hilfe von Pilzen. Eine Studie von V. Tranchida-Lombardo, M. Roy, E. Bugot, G. Santoro, Ü.Püttsepp, M. Selosse and S. Cozzolino, veröffentlicht 2010 in der Zeitschrift Plant Biology, legt nahe, dass die Albino-Form von Cephalanthera damasonium als Zwischenstufe in der Evolution zur Mycoheterotrophie, betrachtet werden kann, also der Fähigkeit, sich sowohl mit Pilzen als auch über die Photosynthese zu ernähren. Aufgrund von genetischen Untersuchungen kommen die Autoren außerdem zu dem Schluss, dass Albinos sowohl dauerhafte Mutanten sein können, die ihre Erscheinungsform über mehrere Jahre hinweg beibehalten, als auch eine zeitweilige Phase des Phänotyps darstellen können, in der diejenigen Gene, die an der Photosynthese beteiligt sind, je nach den Bedingungen der unmittelbaren Mikro-Umwelt abgeschaltet werden. Das könnte etwa der Fall sein, wenn die Kohlenstoff-Versorgung über Pilze so hoch ist, dass die Ausbildung von Chlorophyll in den Blättern gestoppt wird.

Noch ein Besuch bei Cephalanthera rubra f. albiflora

Cephalanthera rubraIn diesem Jahr konnte ich schon ein paar Tage früher die weiß blühende Cephalanthera rubra im hessischen Teil der Rhön besuchen als im vergangenen Jahr. Zunächst folgte ich aber einem Hinweis auf einen Standort weiter südlich, in der Nähe von Ahlersbach. Direkt am Waldweg stieß ich auf eine weiße Cephalanthera rubra mit einem leichten Hauch von Rosa! In den Knospen ist die Farbe deutlich sichtbar, die erhaltenen Restpigmente sind dort offenbar stärker konzentriert als in der geöffneten Blüte.

Cephalanthera rubraAn dem zweiten Standort bei Hünfeld, gut zu erkennen an der alten Buche, die Marco Klueber in seinem großartigen Buch über die “Orchideen in der Rhön” erwähnt, standen die Albiflora-Pflanzen von Cephalanthera rubra Ende Juni in schönster Blüte. Der schwedische Botaniker L. Anders Nilsson hat (in einem 1984 erschienenen Artikel in der Zeitschrift Nature) gezeigt, dass Cephalanthera rubra die Blütenfarbe der Glockenblume (Campanula) im visuellen System der Bienen nachahmt, um so von ihnen befruchtet zu werden, besonders von den männlichen Bienen der Gattung Chelostoma. Da Cephalanthera rubra vor Campanula blüht, sind sie für die Bienen durchaus von Interesse. Es wäre interessant zu sehen, wie die Bienen auf die Albiflora-Formen von Cephalanthera rubra reagieren.

Mit Blick auf die Bestäuber von Orchideen hatte mein Besuch am 24. Juni noch einen besonderen Höhepunkt: Ich sah eine Wespe (Argogorytes mystaceus) auf einer Ophrys insectifera. Die Pseudokopulation an zwei Blüten dauerte mehr als sieben Minuten.

Orchideen der Rhön

Neu erschienen ist ein prachtvolles Schaufenster der Orchideen in der Rhön. Der Autor und Fotograf Marco Klüber präsentiert in seinem Buch eine Zusammenfassung seiner langjährigen Forschungen in dieser Mittelgebirgsregion. Er erklärt, wie geologische und geografische Bedingungen unterschiedliche Lebensräume wie verschiedene Arten von Wäldern, Magerwiesen und Feuchtgebiete geformt haben.

Es gibt 48 verschiedene Orchideenarten in dieser Region – oder zumindest wurden sie dort einmal nachgewiesen. Fünf Arten sind heute in der Rhön nicht mehr zu finden. Ihre Präsentation ist zugleich Mahnmal wie Aufforderung, alles zu tun, um diese kostbaren Pflanzen zu erhalten. Und Klübers Buch ist ein wichtiger Beitrag für diese Bemühungen. Nur öffentliches Bewusstsein bietet die Basis für die notwendigen politischen Entscheidungen zum Schutz dieser Gebiete.

Nach der Vorstellung der Region führt das Buch in die Familie der Orchideen ein und stellt ihre biologischen Besonderheiten vor. Den Hauptteil bilden detaillierte Artenporträts mit eindrucksvollen Fotos. Der Autor stellt auch mehrere Albiflora-Varietäten vor, etwa Dactylorhiza fuchsii, Orchis purpurea oder Cephalanthera rubra. Auch für diese Website hat Marco Klüber wichtige Beitrage beigesteuert. Gegen Ende des Buchs finden sich sechs interessante Vorschläge für Orchideen-Touren in der Rhön. (Marco Klüber: Orchideen in der Rhön. Künzell-Dietershausen, edition alpha 2009. 256 Seiten. 23,90 Euro)

Orchideen der Rhoen

Farbspielereien mit C. rubra und E. atrorubens

Nach dem Hinweis eines Orchideen-Freundes fahren wir heute in die Hessische Rhön. Nordöstlich von Fulda, in der Nähe von Huenfeld, führt ein Weg durch ein langgestrecktes Waldstück. Am Hang blühen zahllose Cephalanthera rubra. Und direkt am Weg wachsen auch drei Pflanzen mit weißen Blüten. Die eine hat noch einen leicht violetten Ton, die zweite ist ganz weiß, aber bereits leicht abblühend, und die dritte hat nur eine, relativ geschlossene Blüte.

Im Hang blühen mehr als hundert Cephalanthera rubra, Gymnadenia conopsea und Epipactis atrorubens. Eine Gymnadenia conopsea ist fast weiß, mit einem letzten Hauch von rosa-violett in den Blüten.

Etwas südlich von Fulda und westlich von Bad Brückenau folgen wir einem weiteren Hinweis und gelangen auf eine Bergkuppe mit einer eindrucksvollen Magerwiesen-Vegetation. Im unteren Abschnitt blühen auch hier zahlreiche Gymnadenia conopsea. Weiter oben, einige Meter unterhalb vom Wald, stehen die kräftigen Stängel von Epipactis atrorubens – und dazwischen einige Pflanzen, die nicht rotbraun, sondern gelbgrün blühen! Bereits weitgehend verblüht sind Ophrys insectifera. Diesen wunderschönen Hang laufe ich noch etwas weiter und sehe von weitem eine weiß blühende Pflanze: Gymnadenia conopsea var. albiflora! Eine kräftige Pflanze mit mehr als 30 Blüten, die obersten noch als Knospen. Auf dem Hang sind in der Abendsonne viele Schmetterlinge und Wildbienen unterwegs, die weiß blühende Gymnadenia bietet sich und ihren mit Nektar gefüllten Sporn als Alternative an.

Albino, Albiflora, Teil-Albiflora

Weiß blühende Orchideen mit einer anderen Standardfarbe werden oft als “Albino”-Form bezeichnet. Tatsächlich aber können Albino-Pflanzen, denen das für die Photosynthese unerlässliche grüne Pigment Chlorophyll fehlt, durchaus farbige Blüten haben, wie diese Aufnahme einer Cephalanthera rubra aus Thüringen von Holger Disse zeigt.

Umgekehrt haben die meisten Albiflora-Orchideen zwar weiße Blüten, aber durchaus kräftig grüne Blätter und auch einen solchen Stängel. Ihnen fehlen die für die Blütenfarbe relevanten Pigmente aus den Gruppen der Carotenoide und Anthocyanine. Sie verfügen aber über reichlich Chlorophyll, erhalten also auch Nährstoffe aus der Photosynthese.

Bei manchen Orchideen ist die Ausbildung der Blütenfarbstoffe reduziert, Anthocyanine werden aber noch in geringem Ausmaß gebildet, wie es bei der hier gezeigten Cephalanthera rubra der Fall ist. Diese weiß blühenden Pflanzen mit einem Hauch von Standardfarbe könnten als Teil-Albiflora-Form bezeichnet werden.

Weiß blühende Orchideen mit einer anderen Standardfarbe werden oft als “Albino”-Form bezeichnet. Tatsächlich aber können Albino-Pflanzen, denen das für die Photosynthese unerlässliche grüne Pigment Chlorophyll fehlt, durchaus farbige Blüten haben, wie diese Aufnahme einer Cephalanthera rubra aus Thüringen von Holger Disse zeigt.

Umgekehrt haben die meisten Albiflora-Orchideen zwar weiße Blüten, aber durchaus kräftig grüne Blätter und auch einen solchen Stängel. Ihnen fehlen die für die Blütenfarbe relevanten Pigmente aus den Gruppen der Carotenoide und Anthocyanine. Sie verfügen aber über reichlich Chlorophyll, erhalten also auch Nährstoffe aus der Photosynthese.

Bei manchen Orchideen ist die Ausbildung der Blütenfarbstoffe reduziert, Anthocyanine werden aber noch in geringem Ausmaß gebildet, wie es bei der hier gezeigten Cephalanthera rubra der Fall ist. Diese weiß blühenden Pflanzen mit einem Hauch von Standardfarbe könnten als Teil-Albiflora-Form bezeichnet werden.