Albiflora-Formen von Orchis in Österreich

aho29_2 In der jüngsten Ausgabe der “Berichte aus den Arbeitskreisen Heimische Orchideen” (29/2012, 2, S. 94-110) stellt Norbert Griebl zwei weiß blühende Formen von Orchis-Arten vor. Der Beitrag bietet einen Überblick zu den sieben Orchis-Arten in Österreich und zeigt deren Verbreitungskarten. Zu Orchis spitzeli schreibt der Verfasser: “In manchen Jahren erscheinen am Fundort in Salzburg weiße oder weißliche Pflanzen.” Der Beitrag zeigt auch das Foto einer zweiten weiß blühenden Pflanze, einer Orchis mascula subsp. speciosa fo. albiflora. In derselben Ausgabe der “Berichte” beschreibt Adolf Riechelmann eine Ibiza-Exkursion und erwähnt dabei auch eine apochrome Form von Ophrys dyris, gefunden an der Südspitze der Mittelmeerinsel. Der Hauptartikel der Zeitschrift stammt aber von Werner Hahn: Auf den Spuren von Christian von Steven – Orchideen- und Bestäubersuche im Krimgebirge 2011 und 2012 – eine spannende Studie sowohl zur Orchideenflora der Halbinsel als auch zu einem speziellen Kapitel in der Geschichte der Botanik.

Albiflora forms of Orchis in Austria

aho29_2 Two white flowered forms of Orchis are presented by Norbert Griebl in the latest edition of “Berichte aus den Arbeitskreisen Heimische Orchideen” (29/2012, 2, p.94-110). The contribution gives an overview of the seven Orchis species in Austria and shows their distribution maps. About Orchis spitzeli he notes: “In some years white or whitish plants appear at the location in Salzburg.” The paper has a photo of a second white-flowered plant, an Orchis mascula subsp. speciosa fo. albiflora. In the same edition of the “Berichte”, Adolf Riechelmann decribes his field trip to Ibiza and mentions an apochrome specimen of Ophrys dyris, found at the southern tip of the Mediterranean island. But the main article of the edition is contributed by Werner Hahn: In the footsteps of Christian von Steven. Searching orchids and pollinators in the Crimean mountains 2011 and 2012 – an exciting study of the orchid flora of the peninsula and as well as of a special chapter of the history of botany.

auf den Spuren von Ignaz Friedrich Tausch

Bei einem Besuch in Prag habe ich mir einige Herbarbelege am Herbarium der Karlsuniversität (PRC) angeschaut. Auf Wunsch eines Freunds suchte ich nach dem Holotypus einer Pflanze, die von dem böhmischen Botaniker Ignaz Friedrich Tausch als Ophrys purpurea (Flora; oder, (allgemeine) botanische Zeitung. Regensburg, Jena 1831) beschrieben wurde – und nun als Synonym von Ophrys apifera oder als Ophrys apifera var. tilaventina betrachtet wird. Der Holotypus soll sich im Prager Herbarium befinden. Also habe ich dort mehrere Pakete mit Herbarbelegen von Ophrys durchsucht, mit hilfreicher Unterstützung des PRC-Kurators Jan Stepánek.

Der Holotypus von Ophrys purpurea befand sich nicht darunter, aber ich entdeckte einen interessanten Herbarbeleg, den der französische Botaniker Jean Michel Gandoger (1850-1926) gesammelt hat:
Ophrys apifera
Die Beschreibung enthält die Information, dass Gandoger diese Pflanze 1879 in der Nähe von Algiers gesammelt und als Ophrys apifera f. elata bestimmt hat, einst von Tausch als Ophrys purpurea beschrieben:
Gandoger specimen

Zum Abschluss meines Besuchs durchsuchte ich noch einen Stapel von Orchis-Herbarbelegen – in der Hoffnung, vielleicht eine Albiflora-Form zu entdecken. Stattdessen fand ich eine Pflanze, die Tausch gesammelt hat, wie Jan Stepánek mir beim Betrachten des handschriftlichen Etiketts mit der Nummer “1470” bestätigte, die am Stängel der Pflanze angebracht wurde:
Orchis mascula
Ein weiteres Etikett, geschrieben von einer unbekannten Person, enthält die Information: “Orchis mascula L. vom berge Rhadisken bei Leitmeritz” – dies passt zum Katalog “Fundorte der Flora Boehmens nach weiland Professor Ignaz Friedrich Tausch’s Herbarium Florae Bohemicae alphabetisch geordnet von Johann Ott”, veröffentlicht 1859 in Prag:

Wer war nun dieser Ignaz Friedrich Tausch? Der böhmische Botaniker wurde am 29. Januar 1793 in Udrči bei Karlsbad geboren. Nach seiner Dissertation über “De inflorescentia” (1835) war er als Direktor des Botanischen Gartens von Herzog Canal de Malabaillas in Prag tätig. Er studierte viele Pflanzenarten und veröffentlichte unter anderem “Bemerkungen über einige Arten der Gattung Paeonia” (1828) sowie seine Flora Bohemiae (1831). Tausch war sein ganzes Leben lang ziemlich arm, wie Stepánek mir erklärte. So verkaufte er getrocknete Pflanzen an verschiedene Herbare. Tausch starb am 8. September 1848 in Prag.

on the trails of Ignaz Friedrich Tausch

On the occasion of a visit to Prague I looked up some specimens at the Charles University Herbarium (PRC). In order to help a friend, I searched for the holotype of a plant which was described by the Bohemian botanist Ignaz Friedrich Tausch as Ophrys purpurea (Flora; oder, (allgemeine) botanische Zeitung. Regensburg, Jena 1831) – now regarded as a synonym of Ophrys apifera or as Ophrys apifera var. tilaventina. The holotype was said to be in the herbarium in Prague, so I searched several packages of Ophrys specimen there, with the much appreciated help of PRC’s curator Jan Stepánek.

The holotype of Ophrys purpurea was not there, but I found an interesting specimen collected by the French botanist Jean Michel Gandoger (1850-1926):
Ophrys apifera
The description carries the information that Gandoger collected this plant in 1879 near Algier as Ophrys apifera f. elata, formerly described by Tausch as Ophrys purpurea:
Gandoger specimen

At the end of my visit I searched a further package of specimens with dried Orchis plants – hoping to find a albiflora specimen. Instead I detected a specimen collected by Tausch as Jan Stepánek confirmed by examining the hand-written label with the nomber “1470” attached to the stipe of the plant:
Orchis mascula
A further label written by an unknown person has the information: “Orchis mascula L. vom berge Rhadisken bei Leitmeritz” – this information matches the catalogue of “Fundorte der Flora Boehmens nach weiland Professor Ignaz Friedrich Tausch’s Herbarium Florae Bohemicae alphabetisch geordnet von Johann Ott”, published 1859 in Prague:

So who was this Ignaz Friedrich Tausch? The Bohemian botanist was born on January 29th, 1793, in Udrči near Karlovy Vary. After his thesis about “De inflorescentia” (1835) he was director of the botanical garden of duke Canal de Malabaillas in Prague. He studied a broad spectre of plants and published “Bemerkungen über einige Arten der Gattung Paeonia” (1828) as well as his Flora Bohemiae (1831). Tausch was all his life rather poor, Stepánek told me. So he sold dried plants ot different herbariums. Tausch died on 8th September 1848 in Prague.

Sundheimer Orchideentagung 2012

Sundheimer Orchideenkonferenz
Zwei große Werke über europäische Orchideen sind in Vorbereitung, auf die man gespannt sein darf. Auf der 16. Sundheimer Orchideentagung gab Wolfgang Eccarius einen Einblick in sein Projekt einer Dactylorhiza-Monografie – geplantes Erscheinungsjahr ist 2015. Zu den etwa 50 Teilnehmern der Tagung in Sundheim bei Kehl gehörte auch Karel Kreutz, der an einem sechs- bis siebenbändigen Werk über alle Orchideen Europas arbeitet, das voraussichtlich 2016 erscheinen soll.

Zum Auftakt der Tagung zeigte Helmut Baumann eine Serie eindrucksvoller Filmaufnahmen über Bestäubungsvorgänge unterschiedlicher Orchideenarten. Helmut Presser präsentierte Fotos einer Griechenlandreise, Peter Gölz Aufnahmen von Ophrys kreutzii an zwei unterschiedlichen Standorten in der Türkei und das Ehepaar Essink Impressionen von Rhodos.

Wolfgang EccariusIn meinem Beitrag über “Farbpolymorphismus bei Dactylorhiza – Evolution als offener Prozess” stellte ich meine Untersuchungen zu fuchsii und den calcifugiens-Standort in Nordjütland vor. Nach einer teilweise kontroversen Diskussion darüber erläuterte Wolfgang Eccarius die besonderen Schwierigkeiten seines Dactylorhiza-Buchprojekts. Die üblichen genetischen Methoden zur Bestimmung von Arten wie die Konstruktion von Stammbäumen oder Kladogrammen mit Hilfe der Analyse von ITS-Regionen seien in dieser Gattung nur mit großer Vorsicht anzuwenden. Wenn eine Art auch durch Vereinigung zweier Arten entstehen könne, “dann funktioniert das gar nicht”. Er lege daher seinem voraussichtlich 600 Seiten umfassenden Werk eine möglichst weite Artauffassung zugrunde. Begonnen habe er mit einer umfassenden Literaturarbeit, darunter auch die Einsicht von etwa 1100 Protologen (Originalbeschreibungen). “Das deutet schon darauf hin, dass diese Gattung nomenklatorisch eine Riesenherausforderung ist”, sagte Eccarius. Damit dies nicht uferlos werde, wolle er nur Arten und Unterarten ausführlicher behandeln, ohne die Varietäten zu ignorieren. “Es ist mir gelungen, alle Typen einzusehen”, sagte Eccarius, nannte aber eine Ausnahme: “Es fehlt mir noch der Typus von Dactylorhiza incarnata subsp. baumgartneriana. Der Typus ist in Stuttgart, wo er sich befinden soll, nicht auffindbar.” Diese 2003 von B. und H. Baumann sowie R. Lorenz und R. Peter beschriebene Art, von Kreutz und Sebastian Sczepanski später umkombiniert zu Dactylorhiza kafiriana subsp. baumgartneriana, ist nach Harald Baumgartner benannt, dem Organisator der Sundheimer Orchideentagung.

Sundheim Orchid Conference 2012

Sundheimer Orchideenkonferenz
Two great publication projects about European orchids are being prepared which will meet high expectations. At the 16th Orchid Conference in Sundheim (near Kehl, Southwest Germany), Wolfgang Eccarius offered a first look into his project of a monography about the genus Dactylorhiza – the planned publication year will be 2015. Among the about 50 participants of the conference, coming from Germany, Switzerland, France and the Netherlands, was Karel Kreutz who is working on an opus of 6 to 7 volumes about all the orchids in Europe, which is expected to be published probanly in 2016.

At the beginning of the meeting, Helmut Baumann showed a series of impressive videos showing pollinators of different orchid species. Helmut Presser presented photos of his latest Greece journey, Peter Goelz showed pictures taken at two different locations of Ophrys kreutzii in Turkey and the Essink couple shared impressions from Rhodos.

Wolfgang EccariusIn my contribution about “Colour polymorphism with Dactylorhiza – Evolution as a continuing process” I presented my studies about Dactylorhiza fuchsii and the calcifugiens location in Northern Danmark. After a partly controversial debate, Wolfgang Eccarius talked about the specific difficulties of his Dactylorhiza project. The common genetical methods to differentiate between species, such as the construction of cladograms by means of an analysis of the DNA’s ITS regions, may be used only with great caution in this case, he said. “This doesn’t function at all”, if a species has developed from two species. Therefore, he intends to base his book of about 600 pages on a rather broad concept of species. At the beginning, there was a comprehensive study of literature, including about 1100 protologues (original decriptions). “This fact alone implies that the nomenclature of this genus will be a giant challenge”, Eccarius said. In order to concentrate on the essentials, he only wants to present species and subspecies in length, without ignoring varieties. “I succeeded in looking into all typesheets”, Eccarius said – with one exception: “I’m still missing the typesheet of Dactylorhiza incarnata subsp. baumgartneriana. The typesheet cannot be found in Stuttgart, where it is said to be.” This subspecies, described by B. and H. Baumann, R. Lorenz and R. Peter in 2003, later described by Kreutz und Sebastian Sczepanski as Dactylorhiza kafiriana subsp. baumgartneriana, is named after Harald Baumgartner, the organiser of the Sundheim Orchid Conference.

Orchideen sind keineswegs eine junge Familie

Orchidaceae
In einem Beitrag für die jüngste Ausgabe des Journals Europaeischer Orchideen (Bd. 44, 2/2012, S. 421-426), sichtet Wolfgang Wucherpfennig die jüngsten Erkenntnisse zur phylogenetischen Abstammung der Einkeimblättrigen Pflanzen (Monocotyledonae). Er zeigt auf, dass die Orchidaeceae zwischen 104 und 120 Millionen Jahre alt sind (A im phylogenetischen Stammbaum) und dass die ersten Orchideen noch von Dinosauriern geweidet wurden. Orchideen sind somit älter als ihre Verwandten in der Familie der Amaryllis-Gewächse (Amaryllidaceae) oder der Spargelgewächse (Asparagaceae). Nur die Ausbildung in Unterfamilien und Gattungen (B im phylogenetischen Stammbaum) ist jüngeren Datums und geschah vor 76 bis 84 Millionen Jahren. Wucherpfennig fasst zusammen: “Die Orchideen sind also keineswegs eine junge Familie, sie haben ein ehrwürdiges Alter. Aber auch sehr alte Familien haben kleine Kinder, die heißen dann z.B. Ophrys oder Dactylorhiza.”

Orchids are not a young plant family at all

Orchidaceae
In a paper published in the latest edition of the Journal Europaeischer Orchideen (vol 44, 2/2012, p. 421-426), Wolfgang Wucherpfennig reviews the recent publications about the phylogenetic tree of the Monocotyledonae. He points out that the Orchidaeceae are between 104 and 120 million years old (A in the phylogenetic tree) and that the first orchids have been grazed by dinosaurs. So, orchids are in fact older than their relatives in the Amaryllis family (Amaryllidaceae) or the Asparagus family (Asparagaceae). Only the differentiation of the genera of orchids (B in the phylogenetic tree) has a more recent age and happened between 76 and 84 million years ago. Wucherpfennig concludes: “So, orchids are not a young plant family at all, they have a dignified age. But very old families also have small children which are enterprising and adventurous such as Ophrys and Dactylorhiza.”

Momentaufnahme der Evolution: Zwischenbericht zu Albiflora-Studien

Peter Zschunke: Albiflora-Formen der Orchidaceae - mehr als eine Laune der Natur
Dank all der Beiträge zu dieser Projekt-Website albiflora.eu habe ich einen ersten Beitrag über weiß blühende Formen von Orchideen geschrieben, veröffentlicht in Berichte aus den Arbeitskreisen Heimische Orchideen (1/2012, p. 141-170). Nach einem kurzen Überblick zu taxonomischen Aspekten wird die Beziehung zwischen Blütenfarbe und Bestäubern dargestellt. Der Hauptteil führt dann die Unterschiede von Albiflora-Formen bei den einzelnen Orchideengattungen auf. Abschließend wird die hohe Häufigkeit von Albiflora-Formen bei Dactylorhiza fuchsii in Westirland und bestimmten Regionen in Deutschland erörtert. Wo hören willkürliche Mutationen auf und wo fängt ein evolutionärer Prozess an? Ein mögliches Szenario könnte darin bestehen, dass Nahrungstäuschblumen, die schon früher als Dactylorhiza fuchsii blühen – so wie Orchis mascula or Dactylorhiza majalis -, bestäubenden Insekten die Erfahrung vermitteln, dass Blüten einer bestimmten Form und mit einer rosavioletten Farbe keinen Nektar zu bieten haben. Somit könnte ein Farbwechsel zu Weiß vorteilhaft sein. Der Aufsatz kann hier heruntergeladen werden.

Snap-shot of the evolution: preliminary report of albiflora studies

Peter Zschunke: Albiflora-Formen der Orchidaceae - mehr als eine Laune der Natur
Thanks to all the contributions to this project website albiflora.eu I’ve compiled a first paper about the white-coloured forms of orchids, published in Berichte aus den Arbeitskreisen Heimische Orchideen (1/2012, p. 141-170). Following a short overview about taxonomic aspects the relationship of flower colour and fertilizers are discussed. The main part considers the differences of albiflora forms with particular genera of orchids. The paper finishes with a discussion of high frequencies of albiflora forms with Dactylorhiza fuchsii in Western Ireland and certain regions in Germany. Where does random mutation ends and where begins an evolutionary process? One possible scenario might be that nectar deceptive orchids flowering earlier than Dactylorhiza fuchsii – as there are Orchis mascula or Dactylorhiza majalis – impart fertilizing insects the experience that flowers with a certain form and a purple colour don’t grant them any nectar. Thus, a colour change to white might be an advantage. The German language paper can be downloaded here.