Wolfgang Eccarius legt Gattungsmonographie zu Dactylorhiza vor

Die Orchideengattung Dactylorhiza

Im Anschluss an die Standardwerke zu den Orchideengattungen Anacamptis, Neotinea und Orchis (zusammen mit Horst Kretzschmar und Helga Dietrich, 2007) sowie einer Monographie über die Gattung Cypripedium (2009) hat Wolfgang Eccarius jetzt eine jahrelange Arbeit abgeschlossen und ein Kompendium über die Dactylorhiza-Orchideen vorgelegt.

Das Werk schließt eine große Lücke zu einer besonders artenreichen und in Europa häufigen Orchideengattung. Wie man es von früheren Veröffentlichungen zu schätzen gelernt hat, stellt der Autor den Porträts der 37 Arten und 46 Unterarten eine umfangreiche Einleitung voran. Darin erläutert Eccarius seine Vorgehensweise bei der Abgrenzung von Arten und bietet einen Abriss zur Geschichte der wissenschaftlichen Forschung, angefangen bei dem 1534 erschienenen Kräuterbuch von Otto Brunfels. Das Werk verzichtet zwar auf das Unterfangen, einen Bestimmungsschlüssel zu erstellen. Mit einem Baum der Gattungsstruktur aufgrund gentechnischer Erkenntnisse bietet Eccarius aber einen guten Überblick zur Vielfalt der Dactylorhiza-Orchideen in ihren Verwandtschaftsbeziehungen.

Eccarius hat für seine Darstellung eine Reihe von grundlegenden Entscheidungen getroffen. So verzichtet er auf Varietäten und Formen, weil er diese Begriffe bei Dactylorhiza als “hochproblematisch” ansieht. “Hauptziel des Autors war eine Gattungsstruktur, die sowohl logischen Prinzipien genügt als auch für die Feldarbeit brauchbar ist” Größeres Gewicht als der Abgrenzung von Arten misst er der Unterscheidung von zehn Sektionen bei: “Sektionen lassen sich in der Gattung Dactylorhiza viel leichter voneinander abgrenzen als Arten.” So bilden die Fuchsiae eine eigene Sektion – hierzu gehören Dactylorhiza fuchsii ebenso wie Dactylorhiza saccifera. Die Sektion der Majales umfasst unter anderem Dactylorhiza majalis, Dactylorhiza cordigera und Dactylorhiza elata.

Dactylorhiza majalis subsp. calcifugiens
Photo: Peter Zschunke, 16/06/2012, bei Glæde, Dänemark

Dass Eccarius Coeloglossum viride als Dactylorhiza viridis betrachtet, ist nachvollziehbar. Die Viridae werden hier als Untergattung mit dieser einen Art gezeigt, neben der Untergattung Dactylorhiza. Andere taxonomische Entscheidungen stimmen hingegen nachdenklich. Etwa wenn hier das Strohgelbe Knabenkraut nicht mehr als Unterart von Dactylorhiza incarnata, sondern als eigene Art Dactylorhiza ochroleuca verstanden wird – weil das seltene Auftreten von Hybriden zwischen beiden sehr selten sei, “was nach Ansicht des Autors die Behandlung als eigenständige Art rechtfertigt”.

Weniger hilfreich erscheinen die Ausführungen zu den weiß blühenden Dactylorhiza fuchsii in Irland, die von Eccarius in den Rang einer Subspezies erhoben werden – bislang schien in der Literatur die Einstufung als Varietät mehrheitsfähig zu sein. Die Abgrenzung zu fuchsii ist vor Ort allerdings kaum hilfreich: “Die Unterart unterscheidet sich von der Stammart durch niedrigeren Wuchs” – die Abbildungen dazu zeigen allerdings recht große Pflanzen. “Die weiße Blütenfarbe tritt populationsweise und nicht nur bei Einzelpflanzen auf.”

Genau dies trifft auch auf Dactylorhiza majalis subs. calcifugiens zu, die von Eccarius lediglich als Synonym zu Dactylorhiza sphagnicola aufgeführt wird. Als Foto wird eine Pflanze aus der Umgebung von Celle gezeigt, die wie eine Albiflora-Form von Dactylorhiza sphagnicola erscheint, sich ansonsten aber von der calcifugiens-Population in Nordjütland deutlich unterscheidet.

Ausgesprochen nützlich sind die Ausführungen zu Dactylorhiza maculata, die hier als west- bis nordeuropäische Art präsentiert wird, mit einer Verbreitung auch in Nordafrika und Nordasien. Die Blütenfarbe wird als besonders variabel beschrieben, von reinweiß bis zu zartem Hellviolett.

Eccarius sieht auch die für die Gattung typische Neigung zu einem Farbdimorphismus (oder Polymorphismus) als funktional relevant an. Dieser diene etwa bei Dactylorhiza romana, sambucina und incarnata dazu, “schnelle Lernvorgänge bei den Bestäuberinsekten zu vermeiden”. Hinweise dazu gibt es auch mit der regional unterschiedlichen Neigung von Dactylorhiza fuchsii, Albiflora-Formen zu entwickeln.

Die Neuerscheinung bedeutet einen großen Fortschritt für das Verständnis von Dactylorhiza-Orchideen. Das Buch macht aber auch deutlich, dass weitere Forschungsarbeiten zu dieser Gattung nötig sind.

Sundheimer Orchideentagung 2: Florale Photosynthese bei Ophrys

Warum sind Ophrys-Blüten mit einer Pigmentstörung gelblich-grün und nicht weiß wie bei Orchis, Dactylorhiza oder anderen Gattungen? Der Antwort auf diese Frage bin ich auf der Orchideentagung in Sundheim nachgegangen, in einem Vortrag mit dem Titel: Die Ophrys-Blüte – mehr als eine Einladung zur Pseudokopulation.

Ophrys holoserica
Ophrys holoserica

Meine These:  Die Lippen aller Ophrys-Blüten sind grün – wir können das aber meist nicht sehen, weil das Blattgrün in den Lippen vom Anthocyanin überdeckt wird. Erst wenn die Anthocyanin-Produktion gestört ist, wird in der Ophrys-Lippe das Chlorophyll sichtbar, zusammen mit ebenfalls meist enthaltenen gelben Pigmenten. Nur die Lippenzeichnung ist frei von Pigmenten, sie erscheint bei einem Ausfall der Anthocyanin-Bildung meist weiß. Aber selbst in den unteren Schichten des bläulich schimmernden Mals von Ophrys speculum haben Forscher nachgewiesen, dass sich dort Chloroplasten befinden, also Zellpartikel mit Chlorophyll. Die bläuliche Farbe resultiert aus den Vakuolen der Epidermis, die mit Cyanidin-Pigmenten gefüllt sind, während der bräunliche übrige Teil der Lippe zusätzlich auch Delphinidin und Quercetin-Pigmente sowie Anthocyanine enthält.

Bei den Ophrys-Indidviduen mit einem Ausfall der Pigment-Bildung wäre die Bezeichnung weiß blühend oder albiflora fehl am Platz. Besser passt der Begriff hypochrom in der Bedeutung einer unterentwickelten Farbpigmentausprägung.

Belege dafür gibt es bei mehr als 20 Ophrys-Arten.

Eine ganze Population von Ragwurz-Pflanzen ohne Anthocyanin in der Lippe gibt es bei Basel von Ophrys apifera. Diese Pflanzen sind auch als Basiliensis-Varietät beschrieben.

Anthocyanin dient auch als Sonnenschutz, es hat die Eigenschaft, schädliche Lichtenergie wie etwa die UV-Strahlung zu absorbieren. Die wasserlöslichen Anthocyanin-Pigmente befinden sich in den Vakuolen der Pflanzenzelle, die auch Wasser und Nährstoffe enthalten. Besonders die Pflanzen in Südeuropa sind auf die Sonnenschutz-Funktion des Pigments angewiesen.

Im allgemeinen haben die Petalen höherer Blütenpflanzen kein Chlorophyll. Das Gewebe ihrer Blüten und Früchte enthält keine Chloroplasten – also Zellpartikel, die Chlorophyll enthalten und deswegen grün gefärbt sind – sondern Chromoplasten. Diese enthalten kein Chlorophyll, sondern zum Beispiel Carotenoide: gelbe, orangene oder rote Farbpigmente.

Nur im Knospenstadium haben einige Blütenpflanzen noch höhere Anteile von Chloroplasten – diese entwickeln sich dann zu Chromoplasten oder farblosen Leukoplasten mit der Funktion, Eiweiß oder Stärke zu speichern – hierzu gibt es einen interessanten Beitrag von Kevin Pyke und Anton Page. Die gleiche Umwandlung lässt sich beim Reifen von Tomaten beobachten – die zunächst grüne Frucht hat noch viele Chloroplasten mit Chlorophyll, die sich dann zu Chromoplasten mit dem roten Pigment Lycopin umwandeln.

In Laubblättern enthält eine Blattzelle etwa 20 bis 50 durch Chlorophyll grün gefärbte Chloroplaste. Sie sind mit Stroma gefüllt, das auch das Enzym Ribulose-Bisphosphat-Carboxylase/Oxygenase (RuBisCo) enthält. Dieses leistet im Zusammenwirken mit Wasser und Sonnenlicht einen entscheidenden Beitrag für die Umwandlung von Kohlendioxid in Glucose: Aus CO2 und H2O wird C6H12O6.

Forschungen haben gezeigt, dass auch Orchideen sonniger Wiesenstandorte im Mittelmeerraum zumindest als partiell mykoheterotroph zu betrachten sind, also einen Teil ihrer Nährstoffversorgung von Pilzen erhalten. Weil Pilze den für die Enzymbildung elementaren Stickstoff im Boden sehr viel besser lösen können als höher entwickelte Pflanzen, sind mykoheterotrophe Orchideen besser mit Stickstoff versorgt als Pflanzen anderer Familien ohne Nährstoffversorgung durch Pilze. Die einzelnen Orchideenarten verbinden sich mit jeweils unterschiedlichen Pilzen, bei vielen Orchideen lassen sich Bodenpilze der Gattung Tulasnella als Versorger feststellen.

Zusätzlich aber nutzen Ophrys-Orchideen auch den Umstand, dass Chloroplasten im Blütengewebe erhalten sind, so dass hier weiter Photosynthese stattfinden kann. Einige Ophrys-Arten haben auch ein intensiv grünes Perigon – dort sind dann anders als in der Lippe keine Anthocyanine enthalten, die das Chlorophyll überdecken würden.

Dabei nutzen Ophrys-Blüten, so ist zu vermuten, den Crassulaceen-Säurestoffwechsel, nach der englischen Bezeichnung Crassulacean Acid Metabolism als CAM abgekürzt. Das ist ein nach der Familie der Dickblattgewächse, der Crassulaceae, benannter Mechanismus der Photosynthese, der besonders an heiße und trockene Standorte angepasst ist.

Der Vorteil dieser CAM-Photosynthese gegenüber der gängigen C3-Photosynthese: Die Pflanzenzellen nehmen Kohlendioxid nachts auf. Die Spaltöffnungen im Pflanzengewebe sind dann geöffnet. Und in der Tageshitze können sie geschlossen bleiben, so dass die Pflanze vor Austrocknung geschützt ist. Das nachts aufgenommene CO2 wird in den Vakuolen der Zelle in Form von Äpfelsäure gespeichert und tagsüber mit Lichtenergie in Kohlendioxid und Sauerstoff umgewandelt. Die CAM-Photosynthese begnügt sich im Vergleich zur C3-Photosynthese mit weniger als einem Fünftel der benötigten Wassermenge. Somit kann die Pflanze in Trockenzeiten gut überleben, bleibt vor Stress wegen Wassermangels geschützt.

cam_photosynthese_nacht

Einfaches RGB

Es gibt auch Pflanzen mit fakultativer CAM-Photosynthese – hier wird der Wassersparmodus nur bei sommerlicher Trockenheit eingeschaltet. Im Frühling setzen die knospenden Pflanzen dann noch die C3-Photosynthese ein. Denn CAM hat neben dem Vorteil des geringeren Wasserverbrauchs einen großen Nachteil: Die Produktion von Biomasse fällt deutlich geringer aus. CAM-Pflanzen wachsen sehr viel langsamer als C3-Pflanzen.

Orchideen mit dünnen Laubblättern haben in der Regel eine C3-Photosynthese – dazu gehören etwa die Gattungen Orchis, Dactylorhiza, Anacamptis und Neotinea. Solche mit dicken Blättern wie die tropischen Gattungen Phalaenopsis, Cymbidium oder Cattleya praktizieren die CAM-Photosynthese, also den Crassulaceen-Säurestoffwechsel.

Da die CAM-Pflanzen das nachts aufgenommene CO2 für die tagsüber ablaufende Photosynthese speichern müssen, haben sie oft stark vergrößerte Vakuolen. Dicke Blätter können mehr organische Säure speichern, die das CO2 über Nacht konserviert. Es könnte sein, dass dies auch bei der Blütenblatt-Photosynthese von Ophrys der Fall ist. Ein Indiz dafür ist die verdickte, fleischige Ophrys-Lippe – und diese Form kommt wiederum der Einladung an die Bestäuber zur Pseudokopulation entgegen. Auch die oft geringe Wuchshöhe ist ein Indiz dafür, dass Ophrys-Arten zumindest fakultative CAM-Pflanzen sind – es wird weniger Biomasse aufgebaut.

Ein Vorteil der floralen Photosynthese ist die ideale Position der Blüten zum Sonnenlicht hin. Die höhere Aufnahme von Lichtenergie ermöglicht eine höhere Kapazität zum Speichern von CO2. Auch wenn es noch keine eingehenden Forschungen dazu gibt, sprechen viele Hinweise dafür, dass insbesondere die mediterranen Ophrys-Arten eine florale Photosynthese beherrschen. Mit dem zumindest fakultativen CAM-Stoffwechsel verfügen sie über die Fähigkeit, auch in trockenem Klima, auf Felsgrund und mit früh welkenden Laubblättern zu bestehen. Die Entwicklung der Ophrys-Lippe ist damit gleich zwei funktionalen Zielen gefolgt, der Anpassung an einen Bestäuber und der Befähigung zu floraler Photosynthese.

Damit zeichnet sich im Vegetationszyklus der Ophrys-Pflanze eine idealtypische Abfolge von Phasen ab, die jeweils an spezifische Umweltbedingungen und biologische Anforderungen angepasst sind. Für einzelne Arten und Standorte gibt es sicherlich Unterschiede, generalisierend lassen sich aber diese Phasen unterscheiden:

ophrys_phasen

Der Keimling entwickelt sich aus der mykoheterotrophen Nahrungsversorgung und erhält mit der Ausbildung seiner ersten Blattrosette die Befähigung zur Photosynthese. Es ist anzunehmen, dass hier der C3-Mechanismus der Photosynthese vorherrscht, im Frühling sind die Temperaturen noch gemäßigt und es steht genug Feuchtigkeit zur Verfügung. Auch geht es hier für die Pflanze vor allem um schnelles Wachstum, den zügigen Aufbau von Biomasse. Dabei ist die C3-Photosynthese klar im Vorteil.

Die knospende Pflanze ist weiter auf Wachstum angelegt, die Blätter erreichen ihre optimale Kapazität zur C3-Photosynthese.

Mit der Blüte beginnen die Laubblätter zu welken, ergänzend übernimmt die Blüte die CAM-Photosynthese, und sichert so trotz zunehmener Hitze und Trockenheit eine ausreichende Nahrungsversorgung.

In der Fruchtreife ist mit dem Anschwellen der Fruchtknoten noch einmal der Aufbau von Biomasse erforderlich. Mit dem Abblühen verringert sich die Kapazität der Photosynthese. Möglicherweise gewinnt jetzt auch die mykoheterotrophe Nahrungsversorgung wieder an Bedeutung.

 

Sundheimer Orchideentagung 1: Vom Odenwald bis zum Iran

Die zum 20. Mal ausgerichtete Orchideentagung in Kehl-Sundheim hat ihre Teilnehmer auf eine weite Reise geführt: Der Reigen der Vorträge spannte sich über den Odenwald, das Obere Filstal in der Schwäbischen Alb und Österreich bis zum Iran.

Orchideentagung Sundheim
Orchideentagung Sundheim

Der Iran-Reisebericht eröffnete die Konferenz: Jean-Marc Haas zeigte eindrucksvolle Aufnahmen von Orchideen, Tulpen und Fritillarien. Markus Sonnberger aus Heiligkreuzsteinach präsentierte ein botanisches Porträt des Odenwalds. Von der Orchideenflora breiten sich Himantoglossum hircinum und Epipactis helleborine aus, während sich die Bestände anderer Arten rückläufig entwickeln: Dactylorhiza fuchsii, Dactylorhiza majalis und Orchis mascula. Außerdem sind im Odenwald auch Cephalanthera longifolia, Orchis militaris, Neottia ovata, Neotinea ustulata und Platanthera bifolia zu finden. Markus Sonnberger präsentierte auch botanische Besonderheiten der Region wie das Koboldmoos (Buxbaumia viridis) oder die Vogelsternmiere (Stellaria neglecta).

Zur Neottia ovata stellte H. Möller eindrucksvolle Aufnahmen von zumindest potenziellen Bestäubern vor, darunter etliche Wespen unterschiedlicher Größe. Er lauerte ihnen in kurzer Distanz mit einer Lumix-Kompaktkamera auf.

Norbert Griebl zeigte in seinem Reigen durch “die schönsten Orchideenziele Österreichs” auch Albiflora-Formen, etwa von Gymnadenia conopsea in weiß und grünlich blühend, am Golzentipp in den Gailtaler Alpen, oder eine weiß blühende Anacamptis coriophora in der Auenlandschaft der Lobau.

Prof. Hannes Paulus aus Wien stellte neue Ergebnisse seiner Forschungen zur Pseudokopulation bei Ophrys-Arten vor. Dabei kritisierte er auch eine “unscharfe Verwendung des Subspezies-Begriffs in der Botanik, das ist ein großes Ärgernis”. So sei es etwa nicht gerechtfertigt, Ophrys illyrica und Ophrys tommasinii als Unterarten von Ophrys sphegodes zu führen – “beide sind unterschiedlich groß, haben unterschiedliche Bestäuber – das sind verschiedene Arten”.

Als “Launen der Natur, ohne wissenschaftliche Bedeutung” bezeichnete Helmut Zelesny weiß blühende Formen von Orchis militaris, Gymnadenia conopsea und  Neottia nidus-avis im Oberen Filstal bei Unterböhringen. Allerdings erklärt dieser Ansatz nicht, warum weiß blühende Formen bei einigen Arten und in bestimmten Regionen gehäuft auftreten. Zelesny zeigte auch das Foto einer Hybride aus einer weiß blühenden Orchis mascula und Orchis pallens.

einseitige Lernerfahrung: wie Bienen auf Blütenfarbe reagieren

Bienen und andere Insekten suchen Blüten auf, um Nahrung zu finden wie Nektar oder Pollen. Und sie lernen, eine Vielzahl von Blütenmerkmalen mit solchen Belohnungen zu verbinden, wie drei Forscher an der Universität von Arizona erklären: Avery L. Russell, China Rae Newman und Daniel R. Papas haben dazu in diesem Jahr einen Aufsatz in der Zeitschrift Evolutionary  Ecology (DOI 10.1007/s10682-016-9848-1) veröffentlicht. Bislang wissen wir nicht viel darüber, wie Insekten lernen.

Andrea spec. with Orchis simia
Andrea spec. mit Orchis simia

Das Arizona-Projekt interessiert sich für Pflanzenarten mit Blüten in verschiedenen Farben, aufgrund einer Mutation, bei der die Produktion von Blütenpigmenten blockiert wird. Ähnlich wie bei den auf dieser Web-Site gezeigten Albflora-Orchideen können solche Farbe-Polymorphismen auch in anderen Pflanzenfamilien auftreten. Die Autoren erklären, dass diese recht häufig auftreten und nennen als Beispiele Geranium thunbergii, Antennaria dioica (Katzenpfötchen) oder Aquilegia coerulea (Rocky-Mountains-Akelei), eine Verwandte unserer Akelei in Europa.

Aquilegia vulgaris
Aquilegia vulgaris

Ihre Studie analysiert das Verhalten von Bestäubern bei einem purpurfarbenen und weiß blühenden Nachtschattengewächs (Solanum tridynamum), wobei sie eine Experimentalumgebung konstruierten. Damit konnte gezeigt werden, dass anfänglich naive Bienen ohne Lernerfahrung keine Präferenz für purpurn oder weiß blühende Pflanzen hatten. Dies war auch der Fall, als die Forscher die Entnahme von Pollen verhinderten – indem sie den Staubbeutel mit Klebstoff verschlossen. Aber Bienen mit einer lohnenden Erfahrung bei purpurnen Blüten zeigten eine signifikant starke Präferenz, auf Morphen mit purpurnen Blütenblättern zu landen, verglichen zu Morphen mit weißen Blütenblättern. jedoch war diese Präferenz für eine lohnende Farbe bei weißen Blüten mit einer lohnenden Erfahrung viel schwächer aussgeprägt. Die Autoren kommen so zur Schlussfolgerung: Bienen haben eine einseitige Neigung in der Frage, wie Erfahrung Präferenzen formt: Die Erfahrung mit dem purpurnen Morph hatte eine größere Wirkung als die Erfahrung mit dem weißen Morph.

Der Grund für diese einseitige Lernerfahrung könnte nach Einschätzung der Forscher aus Arizona darin liegen, dass purpurne Blüten einen viel größeren Farbkontrast zur Umgebung aufweisen. Daher ist das hypochrome Solanum tridynamum bei der Nahrungssuche unter natürlichen Bedingungen wahrscheinlich noch weniger leicht erkennbar. Diese einseitige Erfahrung, so schließen die Autoren, könnte den Erfolg solcher Morphen beschränken und vielleicht sogar dazu beitragen, dass sie so selten sind. Die Fallstudie aus Arizona mit dem Titel White flowers finish last: pollen-foraging bumble bees show biased learning in a floral color polymorphism ist großartige Forschung – aber es sollten weitere Arbeiten folgen, um zu sehen, ob Blüten mit Farbpigmenten von vornherein einen Vorteil gegenüber hypochromen Blüten haben.

Neujahrsgrüße aus Korčula

Orchis quadripunctata

Zu Beginn des neuen Jahres habe ich eine schöne Mail von Mirjana und Nebojša Jeričević bekommen, die auf der dalmatinischen Insel Korčula leben. Sie schickten mir Fotos von Albiflora-Formen von fünf Arten, Orchis quadripunctata (oben), Anacamptis pyramidalis, Himantoglossum robertianum, Dactylorhiza romana und Orchis italica. Besonders interessant sind die von Dactylorhiza romana. Diese Pflanzen zeigen in der Blüte einen leicht gelblichen Farbton, sind aber nicht so gelb wie bei der gelben Standardform dieser zweifarbig blühenden Art. Sie wachsen unter Pflanzen der violetten Form. Es kann vermutet werden, dass es sich hier um Pflanzen handelt, die ursprünglich violett blühen sollten aber die Anthocyanine verloren haben.

Dactylorhiza romana

Dactylorhiza romana

weißes Blühen im Engadin

Bei der Erkundung dieser Region in der Ostschweiz galt mein Interesse vor allem dem in dunklen Wäldern blühenden Epipogium aphyllum. “Aphyllum” bezieht sich auf das Fehlen von Blättern – und somit haben sie auch kein Chlorophyll. Einige wenige Pflanzen haben auch kein Anthocyanin. Der Experte für diese Region, Joe Meier, schickte mir ein Foto einer völlig weißen Blüte, die er kürzlich fand. Er wies darauf hin, dass diese Form nicht nur als Albiflora-Form, sondern auch korrekt als Albino bezeichnet werden kann – gemäß der Definition einer Pflanze, der jegliche Pigmente fehlen. Ich habe eine Pflanze mit reduziertem Anthocyanin in der Blütenlippe gefunden, die noch einen leichten Rosa-Ton in der Blüte bewahrt hat:

Epipogium aphyllum

Die Exkursion in der Gegend nahe der bezaubernden Kleinstadt Scuol bestätigte auch die leicht erhöhte Tendenz von Gymnadenia zur Entwicklung von Albiflora-Formen. Bei einer Vielzahl von Gymnadenia conopsea mit kräftig violetten Blüten traf ich auch auf eine weiß blühende Pflanze:

Gymnadenia conopsea

Gymnadenia conopsea

Die meisten Gymnadenia odoratissima neigen zu Blüten mit einer sehr hellen violetten Farbe, bewahren aber dabei eine deutlich sichtbare Tönung. Aber auf einer Bergwiese gab dort auch eine Planze ohne jedes Anthocyanin in den Blüten, selbst die Säule ist gelblich bis weißlich:

Gymnadenia odoratissima

ein Traum in Grün und Weiß: Ophrys apifera in Basel

Endlich habe ich sie getroffen: Die Bienen-Ragwurz im Rheinhafen Basel, die 2004 als Ophrys apifera var. basiliensis beschrieben wurde – 2006 hat sie Paul Delforge als Ophrys apifera f. basiliensis herabgestuft.

Ophrys apifera var. basiliensis

Mein Schweizer Freund Klaus Hess hat mich schon vor etlichen Jahren auf diese besondere Population von Bienen-Ragwurz hingewiesen. Nun haben wir uns in Basel getroffen und den Bus Waldhaus genommen. Von dort liefen wir zum Rheinufer. Zwischen Eisenbahngleisen und Fluss, begrenzt vom Container-Terminal im Westen und dem alten Auhafen im Osten, erstreckt sich ein schmaler Streifen Magerrasen, reich mit besonderen Arten. Die vorherrschende Grasart ist die Aufrechte Trespe (Bromus erectus). Dazwischen wachsen unter anderem auch die Acker-Witwenblume (Knautia arvensis), der Pyrenäen-Storchschnabel (Geranium pyrenaicum) und die Magerwiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare).

Basel Rheinhafen

Bald entdeckte Klaus die erste Pflanze dieser besonderen Bienen-Ragwurz. Besonders ist sie nicht jir wegen der Abwesenheit von Farbpigmenten, sondern auch wegen der besonderen Form der Petalen. Diese sind sepaloid, viel länger und breiter als sonst bei der Bienen-Ragwurz. Die Blütezeit hat gerade begonnen. Während Klaus nach weiteren Pflanzen schaut, studiere ich die Blüte durch das Kamera-Objektiv – und beobachte so den selten Besuch einer Andrena-Biene bei einer Bienen-Ragwurz. Das war nur ein Besuch, keine Bestäubung, auch wenn die Biene Pollen von anderen Blüten mit sich führte. Ophrys apifera ist autogam, und die gelben Pollinien fallen schnell nach unten, um die Selbstbefruchtung austzuführen.

Ophrys apifera var. basiliensis

Die nächste Überraschung an diesem Himmelfahrtstag war die Begegnung mit Stefan Schwegler, der die Basler Bienen-Ragwurz zusammen mit Diethart Matthies als Ophrys apifera var. basiliensis beschrieben hat (in: Orchid Review 112/2004).

Stefan Schwegler

Er zeigte uns noch andere Pflanzen, darunter eine reguläre Form von Ophrys apifera mit ihren braunen und gelben Pigmenten sowie Platanthera chlorantha, Anacamptis pyramidalis und Dactylorhiza fuchsii. Und er erzählte uns von dem ständigen Bemühen, diesen besonderen Standort gegen die kommerziellen Interessen des Hafen-Managements zu erhalten. Die Population von Ophrys apifera var. basiliensis geht zurück, erklärte Stefan Schwegler. Aber sie umfasst immer noch etwa 100 Pflanzen. Die meisten blühen nicht jedes Jahr, warten auf ihre Zeit, in Erscheinung zu treten.